Tag eins, der eigentlich schon Tag zwei ist

Hallo.

Seit gestern lebe ich vegan.
Was genau das für mich bedeutet, und was in welchem Umfang da noch auf mich zukommt, weiß ich allerdings noch nicht so genau.
Ich weiß bisher nur eins, nämlich: Ich möchte am Tierleid nicht mehr teilhaben.

Warum es 27 Jahre gedauert hat, bis mein Verstand meinem bequemen Bewusstsein endlich einen saftigen Tritt in den Allerwertesten verpasst hat, vermag ich nicht zu sagen. Oder – vielleicht doch.
Ich bin ein bequemer Mensch. Ich mag es faul. Und mein Gehirn ist im Stande, umbequeme Wahrheiten zumindest so weit in eine hintere Ecke zu schieben, dass ich im Alltag um diese Wahrheit ganz gut „herumdenken“ kann.
Geht es nicht fast allen Leuten so?

Ich muss sagen: Bis vor Kurzem war ich nicht nur noch ein Fleischfresser, sondern sogar noch voller Vorurteile. Und das, obwohl ich mich generell und überall als toleranten Menschen bezeichne. Aber Veganer habe ich durchaus nicht verstanden. Ich habe es auch nicht versucht.

Es war also eher zufällig, dass ich anfing, über Tierleid und Tierrecht und die Arroganz der Menschheit in ihrem respektlosen Umgang mit den Tieren nachzudenken, und ja; nun bin ich zutiefst erschüttert.
Nicht nur von all den Grausamkeiten, von denen ich gelesen und die ich gesehen habe, aber auch – und vielleicht sogar hautpsächlich – von mir selbst. Wie konnte ich je so ignorant sein, frage ich mich jetzt ständig.

Früher habe ich gedacht, dass man mit einer vegetarischen Lebensweise sowieso nichts bewegen kann, und dass es, zum Beispiel an den Zuständen in der Tierhaltung, ohnehin nichts ändern würde.
Auf den einzelnen gesehen sehe ich das jetzt eigentlich immer noch recht ähnlich, aber meine Sichtweise hat sich verändern.
Alles in mir schreit: Ich will das nicht mehr!

Ich will kein Fleisch mehr essen, denn es sind die Überreste eines toten, eines grausam getöteten Tiers, das völlig wehrlos war.
Ich will keine Eier mehr in meinen Kuchen rühren, die von genetisch völlig deformierten Hennen auf zu engem Raum gelegt wurden, nachdem die männlichen Geschwister dieser Hennen an ihrem zweiten Lebenstag in einem Häxler lebendig zerschreddert wurden.
Ich will keine Milch mehr im Kaffee haben, die einer angeketteten Kuh mit zuchtbedingt übergroßem Euter Tag für Tag abgezapft wurde.
Ich will keinen Fisch auf dem Teller haben, der elendig erstickt ist und dessen Beifang weiteres, komplett unnützes Leid und Sterben verursacht hat.
Ich will keine zerquetschen Läuse von meinem Apfel herunterwaschen, ich will den Bienen nicht ihre Nahrungsvorräte wegfressen, ich will keine chemisch verseuchte Kuhhaut an meinem Fuß tragen, ich will keine an Katzen getestete Creme in meinem Gesicht haben, ich will keinen Chimpansen hinter Glas und Beton in einem Käfig begaffen.
Ich will das alles nicht mehr!

Darum bin ich jetzt Veganer.

Seit gestern habe ich kein tierisches Produkt mehr zu mir genommen, und die Vorstellung, in ein Stück Hähnchen zu beißen, bereitet mir momentan Übelkeit.
Doch ich weiß nicht genau, was noch alles auf mich zukommt.
Ich habe einiges gelesen, und auch schon einige speziell für Veganer hergestellte Pflanzenprodulte gekauft, Rezepte ausprobiert, und in den letzten drei Wochen Stück für Stück meinen Konsum tierlicher Produkte reduziert, bis ich gestern schließlich sogar zwei Sahnebonbons, die eine Kollegin mir mitgebracht hatte, an meinen Freund weiterverschenkt habe, weil ich sie nicht essen wollte.

Aber ich ahne, dass das gesamte Ausmaß der Konsequenzen dieser Entscheidung erst nach und nach über mich hinwegrollen wird. Und vielleicht ist das auch gut so. Denn natürlich bin ich noch immer ein bequemer Mensch. Aber jetzt bin ich ein erschütterter bequemer Mensch.

Die ganzen Fragen, die ich jetzt habe – Wie soll ich die ganzen E-Nummern jemals auswendig lernen? Werde ich von meinem Umfeld jetzt als „Öko“ abgestempelt? Werden pflanzliche Produkte mich insgesamt viel mehr kosten? Werde ich tierische Lebensmittel nicht „bloß“ mehr zu mir nehmen oder werde ich sie auch gar nicht mehr für jemanden kaufen? Muss ich jetzt vor jedem Restaurantbesuch erst anrufen und nachfragen, ob sie ein veganes Gericht anbieten? Was ist mit Mücken? – muss ich wohl Stück für Stück beantworten, und das wird sicherlich eine ganze Weile dauern.
Und ganz bestimmt werde ich auch noch häufig in Versuchung kommen, sowohl aus Bequemlichkeit als auch aus Genussgründen. Aber ich werde von nun an bei jedem Blick auf eine Wurst oder ein Stück Käse an die Bilder denken, die ich in Dokumentationen zum Thema Tierleid gesehen habe, und ich hoffe, dass es mir auf ewig den Appetit verdorben hat.

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